089-461305-56  PSU-Akut e.V., c/o ÄKBV München, Elsenheimerstr. 63, 80687 München

Projekt und Verein

Projektidee

Bei Ärzten und Pflegekräften im Bereich der Akutmedizin handelt es sich um einen Personenkreis, der mit den Grenzen menschlicher Existenz täglich konfrontiert ist, für den Ausnahmesituationen zur alltäglichen Belastung werden. Diese Kolleginnen und Kollegen verbrauchen eigene Ressourcen in schwierigen Arbeitsbedingungen und hoher körperlicher und psychischer Anspannung

(hohe Verantwortung, Schichtdienst, hohe Arbeitsverdichtung, nicht geklärte Konflikte). Die Arbeitszufriedenheit sinkt in den letzten Jahren deutlich. Beklagt werden zunehmende Bürokratisierung und das Gefühl der Fremdbestimmung sowie des Alleingelassenseins. Dies hat Konsequenzen für die Personen selbst wie auch für die Versorgung ihrer Patienten.

Die klinische Arbeitsbelastung steigt

Burnout: betrifft 20% der Klinikärzte

Sucht: 10-15% werden substanzabhängig

Suizid: bis zu sechsmal höhere Suizidrate im Vergleich zur Normalbevölkerung

hoher Krankenstand im Bereich der Intensivpflege

schwer zu schätzende Anzahl von Mitarbeitern mit „Innerer Kündigung“

In Mitarbeiterbefragungen werden resignierend Unzufriedenheit und Überbelastung deutlich, wobei sich bisher durch die sehr unterschiedlich geäußerten Bedarfe an Unterstützung schwierig konkrete Veränderungen oder Handlungskonzepte ableiten lassen. Die bisherigen Angebote überwiegend punktuelle Fortbildungsveranstaltungen erreichen die Agierenden nicht in ausreichendem Maße.

All diese Fakten sind seit Jahren bekannt. Aber weder im Studium noch in der Ausbildung wird den Kollegen bewusst gemacht, dass sie zu einer gefährdeten Gruppe gehören, noch wird ihnen ausreichend Unterstützung und Hilfe zuteil, um ihren wertvollen Beruf gesund ausführen zu können. So wird für viele ihr Beruf, den sie anfangs als Berufung und Aufgabe für ihr Leben wahrgenommen haben, zur verschleißenden "Lebens-Aufgabe" (Bergner).

Im Fokus stehen somit drei Problemfelder:

  • psychische Traumatisierung

  • Suchtgefährdung

  • Burnout

Für all diese Problemfelder gibt es professionelle Ansatzpunkte in der Therapie. Präventive Maßnahmen fehlen völlig. Der Arbeitsalltag der Akutmediziner und Pflegekräfte sieht dies nicht vor. Besonders für junge Berufseinsteiger ist eine realistische Sicht auf ihr

zukünftiges Berufsfeld, das Erlernen eigener präventiver Fertigkeiten und eine kollegiale Unterstützung wichtig. Zu lange besteht ein Mangel an kollegialer Unterstützung und ärztlich-pflegerischer Solidarität.




Wer es sich zur Aufgabe macht das Leben von Menschen zu retten,

fängt am besten mit dem eigenen Leben an. (Filmzitat)


Wie schafft man kollegiale Unterstützung?

Beim Blick über den Tellerrand erkennt man schnell, dass andere Strukturen längst weiter sind. So gibt es im Rettungsdienst und bei den Feuerwehren wissenschaftlich begleitete Unterstützungssysteme.

Das Peer-System

Der Gedanke des Peer ist der entscheidende Ansatz. Der Peer ist "Gleicher unter Gleichen", "spricht die Sprache der Kollegen vor Ort", ist bekannter Ansprechpartner als niederschwelliges Angebot und dient nicht zur Therapie, sondern zur frühzeitigen Erkennung von Risikoverläufen und als Schlüssel in das dahinter stehende, aufzubauende Netzwerk aus psychosozialer Unterstützung.
Das modifizierte CISM-Konzept (Critical Incident Stress Management) eingebunden in die Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen (SbE) ist im Bereich der Rettungsdienste und Feuerwehren wissenschaftlich erwiesen. Auf Betreiben des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) wurden in einer Konsensuskonferenz zur Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) klare Standards entwickelt, die für die

Ausbildung von Peers sinnvoll und verbindlich sind.
Die Situation der Straße kann aber nicht eins zu eins auf die Kliniken übertragen werden und bedarf der Modifikation und Anpassung an andere Rahmenbedingungen.
Durch die Peer-Struktur haben die Mitarbeiter selbst die Möglichkeit aktiv zu werden und ihren eigenen Arbeitsplatz mitzugestalten. Durch qualifizierte Schulungen adaptiert an ihr Arbeitsumfeld erwerben sie für sich selbst psychosoziale Kompetenzen. Die neuen Kompetenzen können sie für sich, ihr direktes Arbeitsumfeld und auch segensreich im Umgang mit den Patienten und Angehörigen einsetzen. Hier besteht die Chance nicht nur sekundär präventiv, sondern auf Dauer auch das Klima für die noch wichtigere primär präventive Arbeit zu bereiten.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) bietet Qualitätsstandards und Leitlinien zur Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) unter folgendem Download kostenfrei an:

Psychosoziale Notfallversorgung: Qualitätsstandards und Leitlinien (Teil I und II)
3. Auflage / 07.2012
Praxis im Bevölkerungsschutz - Band 7

THEMEN SIND:

Krisenintervention

Stressbewältigung

Gesprächsführung, Kommunikationstraining

Psychosoziale Beratung

Konfliktmanagement und Mobbing

niederschwellige Anlauf- und Koordinierungsstelle

Eine weitere Aufgabe des Projekts soll sein, eine Anlaufstelle für psychosoziale Betreuung einzurichten. Hier wird die Arbeit der Peers koordiniert, die Auswahl der Kollegen getroffen und ihre Aus- und Weiterbildung gewährleistet. Diese Stelle kann ebenso subsidiäre Unterstützung für Führungskräfte in der Wahrnehmung ihrer Fürsorgepflicht sein. Die bisher völlig vernachlässigte Begleitung von Kollegen bei juristischen Auseinandersetzungen soll hier ebenfalls angesiedelt sein.
Eine der größten Ängste gerade in der Akutmedizin ist und bleibt,

dass Situationen auftreten in denen schutzbefohlene Patienten zu Schaden kommen mit oder ohne erkennbarem Fehler der Agierenden. Als Folgen können oft langwierige juristische Aufarbeitungen entstehe, in der der Mitarbeiter in seiner schwersten Stunde vom Arbeitgeber keine Unterstützung erfährt.
Parallel soll für Berufseinsteiger eine Basisschulung stattfinden zum Erlernen von Stressbewältigungsstrategien, Achtsamkeit, Entspannungsverfahren, Heranführen an Balintgruppen und Supervision.

DIE ZEIT IST REIF,

SICH UM DIE RESSOURCE „MENSCH“

IN DIESER ARBEITSSTRUKTUR

PRÄVENTIV ZU KÜMMERN!

Dabei reicht es nicht aus, oberflächlich hinzuschauen und es bei Lippenbekenntnissen und Feigenblattaktionen zu belassen oder angesichts der Komplexität in Resignation zu verfallen. Es geht darum, in allen Berufsgruppen den mündigen Mitarbeiter als höchstes Gut anzuerkennen, ihn mit der Möglichkeit der

Mitgestaltung zu motivieren, ihn zu unterstützen Copingstrategien zu stärken und eigene Ressourcen wieder aufzubauen. Gestärkte, gesunde Ärzte und Pflegekräfte sind letztlich das Aushängeschild einer Klinik, sind leistungsfähiger und durch ihre positive Arbeit Voraussetzung für zufriedene und gut versorgte Patienten.

Unsere Ziele

  • Prävention durch kontinuierliche und ergebnisunabhängige Beschäftigung mit dem Thema psychosoziale Unterstützung und Sensibilisierung aller Beteiligten

  • Entwicklung von Curricula für Kriseninterventionsteams in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Landesärztekammer

  • Bestandsaufnahme und Ist-Analyse der Situation an den Brennpunkten (z. B. Mitarbeiterbefragung, Prozessanalysen, Aufzeigen von Verbesserungspotenzial und Erstellung eines Konzepts für die PSU in der Akutmedizin)

  • in kollegialer Reflexion (Intervision, Supervision, Balintgruppen) die Probleme von Kollegen und deren Bewältigungsstrategien erkennen

  • Enttabuisierung der Suchtproblematik

  • Bereits in anderen Arbeitsfeldern funktionierende Unterstützungssysteme in die Akutmedizin zu transferieren

  • Aufbau eines Netzwerkes der psychosozialen Unterstützung mit niederschwelligem Gesprächsangebot und einer Anlaufstelle, die auch für Notärzte außerhalb der Einrichtung tätig ist.

  • Einführung eines Peersystems zur Bewältigung von akuten Belastungssituation auf Intensivstationen

  • Vorbereitung und Durchführung der gewünschten und notwendigen Schulungen: Zeitmanagement, Streßbewältigungskonzepte, Entspannungsverfahren als med. Fortbildung

  • Subsidiäre Unterstützung der Führungskräfte in der Wahrnehmung ihrer Fürsorgepflicht gegenüber den Mitarbeitern und Prozessbegleitung

  • Aufbau von Kontakten und Vernetzung mit den eigentlichen Therapeuten beim Auftreten von posttraumatischen Belastungsstörungen, Sucht und Burnout

  • Vernetzung der beteiligten Gruppierungen

  • evtl. Einführung einer Hotline für Betroffene

Warum ein Verein?

Aus der geschilderten Erfahrung in der Geschichte heraus war klar, dass eine Veränderung nur stattfinden kann, wenn wir es selbst in die Hand nehmen. Deshalb war der Zusammenschluss von Münchener Notärzten wichtig, die gemeinsam handeln wollten. Unter dem Motto: "Raus aus der Ich-AG hin zu einem kollegialen Miteinander."
Eine transparente Organisationsform für das Vorhaben bietet die Rechtsform des eingetragenen Vereins. Es wurde die "PSU-Akut e.V." gegründet, die seit März 2013 als gemeinnütziger Verein anerkannt ist.
Die Genossenschaft der Notärzte und die Kooperation mit dem ÄKBV schafft nun durch ihre Unterstützung etwas, was andere Institutionen nicht zustande gebracht haben.

Die Idee der PSU-Akut bleibt nicht nur eine Idee, sondern kann als Projekt und eigenständiger Verein weiter wachsen. Der ÄKBV als Körperschaft öffentlichen Rechts kann z.B. selbst keine Spenden für diese Arbeit annehmen, der gemeinnützige Verein kann dies nun ermöglichen. Die Unterstützung, auf die wir so dringend angewiesen sind, kommt so auch direkt in der realen Arbeit an. Außerdem können wir mit Kliniken verhandeln und Kooperationsverträge schließen ohne komplett im System aufzugehen.
Dies gibt uns eine gewisse Unabhängigkeit und wir können die Erfahrungen mehrerer Institutionen in unsere Arbeit einwirken lassen. Dabei wollen wir nicht wie eine externe Beraterfirma agieren, sondern die im System arbeitenden Peers vor Ort kollegial ausbilden und begleiten.

Vorstand

  • Dr. med. Andreas Schießl (Vorsitzender)
  • Dr. med. Dominik Hinzmann
  • Dr. med. Jonas Kreitlow

Geschichte

Ende 2009 beschäftigte sich die Delegiertenversammlung des Ärztliche Kreis- und Bezirksverband München (ÄKBV) auf Initiative von Dr. med. Andreas Schießl mit der Frage, wie eine psychosoziale Unterstützung in der Akutmedizin umgesetzt werden kann.

Nach drei Impulsreferaten durch

  • Dr. med. Kolitzus: "Burnout bei Ärzten, zehn Gebote zum Glücklichsein"

  • Konrad Reim: "Vorstellung einer LMU-Studie Psychosoziale Prävention im Einsatzwesen", kollegiale Unterstützung bei der Berufsfeuerwehr München

  • Dr. med. Andreas Schießl: "Vorstellung des Pilotprojekt: Den Helfern helfen, Psychosoziale Unterstützung in der Akutmedizin"

beschloss die Delegiertenversammlung des ÄKBV München einstimmig, das Pilotprojekt auf den Weg zu bringen. Die Suche nach kooperierenden Kliniken und die Umsetzung des Projekts gestaltete sich aber schwierig. Auch am Institut für Notfallmedizin der LMU konnte das Projekt nicht wie geplant eingebunden werden.

Festzuhalten ist, dass von vielen Seiten großes Interesse bestand und der Bedarf immer unstrittig auf dem Boden von Gesundheitsförderung und Fürsorgepflicht für Mitarbeiter war.

Die finanziellen Mittel wurden aber leider nicht eingesetzt und trotz langer Vorbereitung und Vereinbarungen konnte das Pilotprojekt nicht umgesetzt werden. Dabei wurde auch klar, dass die Einflussmöglichkeiten der Klinikärzte auf Verwaltungsentscheidungen erschreckend gering sind und so das oft beklagte Erleben von Ohnmacht im System gut spürbar war.

Dazu kommt - übertragen wie beim Hauptmann von Köpenick - die Erkenntnis:

Keine Struktur, keine Gelder;
Keine Gelder, keine Struktur.
Und damit kein nachhaltiges Angebot.

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